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An den Grenzen der Worte
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Dieses Buch ist schon vor dem Lesen schön. Cover und Graphiken von Andreas Töpfer aus München sind ungewöhnlich ansprechend. Die Texte von Uljana Wolf stehen den Bildern in nichts nach. Sie füllt das Buch mit einer ganz eigenen Poesie, die schon mit den ersten Zeilen von "die verschiebung des mundes" zu leuchten beginnt. Die kaum merkliche Verschiebung der vertrauten Dinge, der zu erwartenden Tatsachen, der bekannten Worte, der üblichen Perspektive um nur ein, zwei Grad scheint es zu sein, mit der Uljana Wolf es schafft, uns beim Lesen etwas überraschend Neues zu zeigen. Ihre Sprache ist sparsam und genau. Das ist alles. Und das ist viel. Knappe Verse, die selbst zwischen zwei kleinen Worten die Perspektiven tanzen lassen. Jedes Wort, jede Silbe kümmert sich um das selbst gesetzte Thema des Texts. Dichterische Attitüde taucht hier und da auf - als ironisches Zitat und genauestens platziert. Tiefe und Witz verweben sich, stehlen sich nicht die Show, beflügeln sich gegenseitig, halten die Stimme von der ersten bis zur letzten Zeile frisch in der Schwebe. Die junge Dichtern wagt es scheinbar en passant Themen anzugehen und Stilmittel einzusetzen, für die so mancher Jungdichter von der Kritik rasch viel Prügel beziehen könnte: gott, herr, gebet, vater/väter, wald, flur, jäger, soldat, mädchen, märchen ? das sind Schlüsselworte, die sich durch ihre Texte ziehen, sie leicht und klar beherrschen. Bilder wie "mund / stimme / reim" irisieren zwischen realem Objekt und Metapher und thematisieren die Selbstreferenz der Sprache. Blicke werden überblendet wie im Videoclip, etwa wenn der Blick auf ein Haus im Novembernebel zugleich die Beschreibung eines Geliebten ist (kreisau, nebelvoliere). Lyrische Sounds werden gesampelt, die wir anderswo her kennen: ?ach wäre ich nur?? (aufwachraum I und II) oder ?schließ mich ein liebe ins gebet?? (gästezimmer), um uns vom Bekannten her spielerisch mitzunehmen in offene, andere Sounds, in neue Ideenkombinationen. Man könnte sagen Uljana Wolf beherrscht die Sprache - wenn beherrschen nicht so eine problematische Etymologie hätte. Und nicht bespielen das treffendere Verb wäre für die Souveränität, mit der sie ohne große Gesten große Fragen beinahe schwerelos zur Sprache bringt. Vermutlich hat dies auch die Jury des renommierten Peter-Huchel-Preises fasziniert (der bisher meistens an gestandene Ausnahmedichter vergeben wurde) dazu gebracht, den Preis 2006 an die sechsundzwanzigjährige Uljana Wolf und ihr Lyrikdebüt zu vergeben. Diese Gedichte betreiben eine Erotik der poetischen Kommunikation, die Schreibende, Beschriebenes und Leser gleichermaßen berührt (die Gedichte "gästezimmer", "übersetzen" oder das titelgebende "kochanie ich habe brot gekauft" zeigen das besonders eindringlich). Die meisten Texte des Bandes leben zudem in und von der kulturellen Ost-West-Spannung oder thematisieren den polnisch-deutschen Zusammenhang. Im "kinderlied" wird ein altes Pionierlied aufgegriffen, das jedes Kind in der DDR einst auswendig kannte, weil es mit sehnsüchtiger Melodie die wahre Geschichte vom Tod des kleinen Trompeters erzählt ? bei Uljana Wolf wird er zur unsterblichen Symbolfigur für eine kindliche Prägung, die nicht auszulöschen ist. Gleise, Weichen und Züge sind Uljana Wolfs Bilder für das Unterwegssein, "land" und "brot" die Metaphern für das Existenzielle, das sind seltsam gestrige oder osteuropäische Bilder - und doch lebt jedes ihrer Gedichte ganz im Hier und Jetzt. Ein rundum gelungenes, ein schönes Buch. Jedem, der Gedichte liebt, sei es dringend empfohlen.
Eine Rezension von "marsborn"
vom 25. Januar 2006
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